Heute war’s armenisch. Vom arbeiten kenn ich ein, Naktora oder so ähnlich, ich weiß weder wie man das schreibt noch weiß ich wie man das ausspricht. Er war der Distanzierteste von allen, aber mittlerweile hab ich eine gute „Connection“ zu ihm gefunden. Jedenfalls hab ich mich gestern schon lang mit ihm unterhalten. Eigentlich mag er keine Deutschen. Zuviel Krieg, Völkermord…
(Vorsicht, jetzt wird mein Bericht dokumentarisch)
Er sieht sich selbst Westarmene, was ziemlich tief in seiner Identität verwurzelt ist. Seine Großeltern leben in einem Ort namens Van und wurden dann 1917 von den Türken vertrieben. Er hat mir von den Vertreibungen erzählt, wovon seine Großeltern betroffen waren, welche ihm wohl viel davon erzählt haben als er noch jünger war.
Ich hab irgendwann rausgefunden, dass er in einer Organisation ist, die fast schon fundamentalistische Ansichten vertritt und dafür kämpft dass der Völkermord durch die Türken anerkannt wird und langfristig die Gebiete aus denen die Menschen vertrieben wurden an Armenien zurückgegeben werden. In der Türkei, und dass hab ich extra noch mal nachgelesen, ist es Verboten die „vereinzelte Deportierung von Armenen in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet“ als Völkermord zu bezeichnen und wird mit zu 5 Jahren Gefängnis bestraft. In der Türkei gilt das als Herabwürdigung der Türkentums. International ist es jedoch als Völkermord anerkannt, und in Frankreich ist seit einiger Zeit sogar Verboten den Völkermord zu leugnen.
Das alles ist hier ziemlich präsent. Der Konflikt mit den Azerbaijanern führ auch auf die Ereignisse im ersten Weltkrieg mit den Türken zurück. So hat ers zumindest erklärt. Jedenfalls ist er in dieser Organisation, die sich mir später als eine Art „Heimatverein“ von Westarmenen rausgestellt hat. Zurück zu meinen Erlebnissen 2oo7
(So, jetzt ist der dokumentarisch Teil vorbei)
Nachdem ich mit ihm im Büro ca. 1 Schachtel Zigaretten geraucht und 1L Kaffee getrunken hab, hab ich mich bei ihm zu einer Probe in seinem Verein eingeladen. Das war gestern. Heute war dann auch schon mein großer Tag. Klatschen, Singen, Tanzen, Duduk spielen und Trommeln, war alles dabei. Duduk ist eine Mischung aus einer Flöte und dem Ding mit dem alte Menschen nach ihren Hunden pfeifen. So klingt es zumindest, find ich. Fürs singen hatte ich noch die beste Ausrede, da ich ja kein armenisch kann. Duduk spielen ist echt schwierig, und das obwohl ich 2 Jahre im Gymnasium geflötet hab. Trommeln ist nicht so schwer. Es hat mich erst etwas Überwindung gekostet als ich dazu aufgefordert wurde mitzutanzen, aber ich hab’s gemacht. Ging ja eh nich anders. Außerdem will ich ja was erleben hier, und dafür Riskier ich gern mich eventuell zum Affen zu machen. Nach den ersten Minuten hab ich angefangen mich dort prächtig zu amüsieren. Ich glaube, wenn mich jemand gesehen hätte der mich kennt, der wäre der erstickt vor lachen. (Das wär Mos letzte Stunde gewesen). Der Tanz hier ist sehr Fremd und anders als alles andere was man so kennt. Ich bin regelrecht über den alten Sporthallenboden geschwebt, wie alle anderen auch.
Leider sollte ich keine Fotos machen. Ich konnte es mir aber nicht verkneifen ein paar Sekunden Video zu sichern, da mir klar war das man so was nicht beschreiben kann, ohne das jeder ein völlig falsches Bild davon bekommt oder es für übertrieben hält.. Das Lied, da konnte ich leider noch nicht mitmachen, war übers Heiraten, angeblich schon über 1000Jahre alt. Aus Westarmenien, natürlich. Auf jeden Fall stand ich da irgendwann mitten drin. Prächtig …